Lesung: Verbrannte Dichter

„Bald hüllt Vergessenheit mich ein wie Schnee.“

Die Worte des Dichters Hans Sahl sind durchaus wörtlich zu nehmen. Er ist nur einer der Schriftsteller, denen dieses Schicksal in den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angedacht war. Mit denkwürdiger Effizienz wurden besonders am 10. Mai 1933 in zahlreichen deutschen Universitätsstädten die Existenzen politisch linker, jüdischer, pazifistischer und expressionistischer Schriftsteller zerstört, indem ihre Werke, zuvor vom Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann auf den Index im Nationalsozialismus unerwünschten Gedankengutes gesetzt, von neun Feuersprüchen begleitet den Flammen übergeben wurden.

Dieser „Aktion wider den undeutschen Geist“, wie sie vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenverbund propagiert wurde, folgten Schikane, Schreibverbot, Verfolgung und KZ-Haft für die betroffenen Autoren, darunter unter anderem Bertolt Brecht, Thomas Mann, Erich Kästner, Else Lasker Schüler und Ernst Toller. Auch die Werke ausländischer Schriftsteller wie Jack London und Ernest Hemingway sowie die zu dem Zeitpunkt der Verbrennung bereits verstorbener Autoren wie Karl Marx wurden auf die „schwarze Liste“ gesetzt.

Die Verbrennung veranlasste zahlreiche Betroffene zur Flucht ins Exil, wo sie bis über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus verblieben. Das Fortführen ihrer Arbeit in einem fremden Land wie den Vereinigten Staaten war allerdings mit schwerwiegenden Hindernissen sprachlicher, psychischer und gesellschaftlicher Art verbunden, sodass einige „verbrannte Dichter“ den Freitod wählten. Den wenigsten gelang es, in der literarischen Welt erneut Fuß zu fassen, sei es nun im Ausland oder nach dem Krieg im zerstörten Deutschland.

Um diesem gewaltigen Verlust an Kultur entgegenzuwirken, stellte Gerd Berghofer, von Beruf Publizist und Rezitator und regelmäßiger Gast an unserem Gymnasium, am vergangenen Montag einige ausgewählte „verbrannte Dichter“ samt Werken den elften Klassen vor. Detailliert illustrierte er beispielsweise die Leidensgeschichte des unbeugsamen linken Systemkritikers Erich Mühsam, dessen Geschichte ein Ende im Konzentrationslager Oranienburg fand.

Die jährlich stattfindende Veranstaltung erweiterte den Deutschunterricht der Schüler um ein düsteres Kapitel deutscher Literaturgeschichte und gewiss um den ein oder anderen zuvor unbekannten Autoren.


Weiterführende Informationen:
Bücherverbrennung in Deutschland | Gerd Berghofer